Darf IT alles? Smartphone-Spionagesoftware wie Spyzie hinterfragt | Kritik

darf-it-allesNeulich wurde ich auf die Spionagesoftware „Spyzie“ aufmerksam gemacht. Eine Software, die die komplette Überwachung eines Smartphones ermöglicht, wird hier als Kinder-Schutz-Software beworben. Ist das OK? Darf man mit IT eigentlich alles machen, was technisch möglich ist? Und wie real ist Science-Fiction eigentlich schon? In diesem Artikel werfe ich ein paar Fragen dazu auf.

Wie alle begann

Wieder einmal erreichte mich eine E-Mail einer angeblichen Agentur, die anfragte, ob Sie bei mir auf it-zeugs.de einen Artikel über die Software Spyzie veröffentlichen dürfen. Derartige Anfragen lehne ich grundsätzlich ab. Gelegentlich veröffentliche Testartikel von Produkten, allerdings auch nur dann, wenn der Auftraggeber keinerlei Einfluss auf das Ergebnis meines Testes nimmt. Trotzdem war ich natürlich neulich und habe mir die Website von Spyzie genauer angeschaut. Und da „hats mir de Deckel glupft“, wie man im süddeutschen und schweizer Raum sagt.

Was ist Spyzie?

Spyzie erlaubt es, praktisch alles auf dem Smartphone zu überwachen. Also wir reden hier nicht nur von der GPS-Position, sondern von Nachrichten, Fotos, Whatsapp-Verläufen, etc.

Beworben wird das ganze unter anderem mit Hinweis als Schutzsoftware für Kinder. Das Kind auf der Website sieht nicht sehr glücklich aus, ich kann das durchaus nachvollziehen:

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Homepage der Smartphone-Überwachungssoftware Spyzie

Im Demo-Account bekommt man einen ganz guten Eindruck, was da alles überwacht werden kann:

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Überwachung durch Spyzie

Ich selber habe keine Kinder. Natürlich kann man jetzt argumentieren, dass ich keine Ahnung habe, welchen Gefahren die Kinder heute ausgesetzt sind. Ich halte das aber nicht für ein valides Argument beziehungsweise für ein sinnvolles Instrumentarium, die Kinder zu reifen, entscheidungsfähigen jungen Menschen zu erziehen.

Letzten Endes stehen die Eltern beim Umgang mit dieser Software doch nur vor zwei Alternativen: Das Smartphone wird dem Kind mit der installierten Spionage-Software übergeben, ohne dass das Kind Bescheid weiss. Was macht man aber dann, wenn Schmuddelbilder verschickt werden, oder der Nachwuchs andere unschöne Dinge mit dem elektronischen Gadget anstellt? Das Kind muss zur Rede gestellt werden und gleichzeitig die eigene Überwachung eingestanden werden.


Meine Empfehlungen für meine Leser:


Variante zwei wäre das Smartphone mit dem Hinweis weiterzugeben, dass die Software darauf installiert ist.

In beiden Fällen wächst das Kind mit dem Wissen auf, dass die Eltern ihm sowieso nicht vertrauen und grundsätzlich alles überwacht wird, was es tut. Und kindliche Erfahrungen können gerne prägend werden. Gute Nacht.

Das ist noch eine Steigerung des folgenden Erlebnisses: Auf einer meiner früheren Arbeitsstellen hatten wir verschiedene Abteilungen. Der Lehrmeister aus einer anderen Abteilung forderte mich auf, ich müsse technisch unterbinden, dass auf den Lehrlingsrechnern gechattet werden kann, weil die Lehrlinge immer im Chat wären. Auf meine Antwort, warum die Lehrlinge nicht darauf angesprochen werden, dass während der Arbeitszeit nicht gechattet werden darf, erntete ich nur Schulterzucken.

Sind wir hier auf dem richtigen Weg? Ich glaube nicht. Wenn Ihr anderer Meinung seid, dann schreibt es unten in die Kommentare. Ich bin da wirklich auf eure Meinungen sehr gespannt.

Warum dieser Artikel?

Um meine Motivation für diesen Artikel zu verstehen, hier ein kurzer Ausflug in die Welt der Suchmaschinenoptimierung. Man kennt den genauen Algorithmus nicht, nachdem Suchmaschinen wie Google ihre Suchergebnisse berechnen. Aber allgemein geht man davon aus, dass Websites, die Links von vielen anderen Websites erhalten, in den Suchergebnissen steigen.

Daher versuchen Webseiteninhaber zumeist über Agenturen, Links bei anderen Websites zu positionieren. Spyzie liegt da auch recht weit oben und auf den ersten Seiten finden sich einige Pseudo-Tests und leider nur sehr wenige kritische Stimmen.

Ich möchte daher gerne mit diesem Artikel möglichst weit vorne landen, damit mögliche Kaufinteressenten sich vor dem Kauf Gedanken über mögliche Folgen machen.

Wahr gewordene Science-Fiction?

Vielleicht kennt ihr die Serie „Black Mirror“. Sie läuft auf Netflix. In der Folge Arkangel verpasst die Mutter ihrer Tochter ein Überwachungsimplantat, nachdem diese verschwunden war und glücklicherweise wieder aufgetaucht ist.

Die Mutter kann damit alles sehen, was das Kind sieht. Doch nicht nur dass, auch die Vitalwerte werden überwacht. Regt sich das Kind auf, werden die Auslöser unterdrückt. Der Hund, der sich immer zähnefletschend morgens gegen den Zaun wirft, wenn das Mädchen vorbeiläuft, wird verpixelt und das Bellen herunter geregelt.

Das ganze Führt dann auch in der Fiktion schnell zu Problemen, die App deaktiviert und das Tablett dazu auf den Speicher verbannt.

Das geht gut, bis das Mädchen in die Pubertät kommt und über Nacht wegbleibt. Die Mutter kramt vor Sorge die App wieder vor und sieht, wie die Tochter mit einem – ihrer Meinung nach üblen Kerl – zugange ist und Gras raucht.

Als die Tochter erfährt, dass die Mutter Sie wieder überwacht, kommt es zu einem heftigen Streit. Die Tochter schlägt die Mutter. Da die Filterfunktion noch aktiv ist, schlägt sie immer wieder zu. Das blutige Gesicht der Mutter nimmt sie nur noch verpixelt war und ihre Schreie sind ausgeblendet. Schliesslich stürzt sie aus dem Haus und läuft davon.

Als die Mutter wieder zu sich kommt, geht sie auf die Strasse und sucht nach ihrer Tochter, fast genau so, wie sie Jahre zuvor nach ihr gesucht hat.

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=jLdISLkMGQU

Wie weit hat uns die Fiktion schon eingeholt?

Pure Fiktion? Ja klar. Aber Tracker, die den Standort des Kindes feststellen sind schon lange Realität. Das Bedürfnis dafür kann ich durchaus noch irgendwo nachvollziehen

Aber warum muss man sämtliche Nachrichten, Fotos, etc. abfangen? Mit Software wie Spyzie, haben wir aber auch das Dilemma des Vertrauensbruchs vorprogrammiert. Und wenn man sieht, was unser Nachwuchs so alle fotografiert, ist die Überwachung der Fotos schon fast ein bisschen wie die Überwachung von dem, was man gerade sieht. So weit sind wir da da gar nicht mehr von der Fiktion weg.

Übrigens, die Software wird auch für die Zielgruppe eifersüchtiger Partner und Arbeitgeber beworben. Toll, oder?

Wie seht ihr das? Wenn ihr meine Meinung teilt, dann teilt bitte auch den Artikel bitte und verlinkt ihn. So bekommen wir einen weiteren kritischen Artikel in die Suchergebnisse und können Interessenten für die Software möglicherweise umstimmen.

Danke!

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=B-ewqjh1uKM

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